Über und zu Tutzing gibt es viele Geschichten, manche verselbständigen sich, manche bleiben hartnäckig, andere erledigen sich. Eine Geschichte muss ich aber erzählen, ist sie auch nicht lange her.

1982, also im letzten Jahrtausend, gab es in Tutzing eine breite Straße, in der sich jederzeit zwei Omnibusse mit großen Ohren begegnen konnten; auch Formel1-Piloten übten morgens und abends auf der Straße. Zumeist uniformiert, auf einem Auto stand sogar: Was Krupp in Essen, das sind wir in Saufen. Kein Witz, das war Ernst, der hieß aber anders.

Es wohnten in der Straße auch jede Menge Familien mit Kindern, Haustieren und dazugehörigen Großeltern. Der Kampf für eine Beschränkung der Geschwindigkeit dauerte sieben Jahre, bis 1989. Die Gegner zogen alle Register. Es waren Freiheitskämpfer und Eigenverantwortliche, zumeist also die Fleißigen und Anständigen unserer Gesellschaft, die sich jegliche Bevormundung verbaten.

Der mühsame Kampf der Aufrechten gegen die Freiheit der Andersdenkenden war dann doch vom Erfolg gekrönt. In der Zugspitzstraße gab es unter überaus kräftigem und jahrelangem Ziehen eines FDP-Bürgermeisters an sämtlichen Strippen eine 30er Regelung. Nach Ansicht heutiger Anwohner -je nachdem, wer gefragt wird-  unterschiedlich gut akzeptiert und damit eingehalten. Der Eingriff in die Freiheit aber war enorm. Der tägliche Zeitverlust riesig.

2006 sagte ein Reviermann der STA-Polizei auf die Frage, was eigentlich passieren müsse, damit das Thema 30 ernster genommen wird, ziemlich lapidar … wenn keine Toten, dann die Karten schlecht.

Aha. So isses also. Ziemlich pragmatisch; vielleicht auch fatalistisch. Mit Argumenten kommste, lieber Leser und Stauner, nicht weiter.

Ein gutes Beispiel ist die epochemachende 30er-Sitzung des Vorgänger-Gemeinderates. Lange vorbereitet, nur Eiertänze, Freiheit gegen Bevormundung. Und in der entscheidenden Sitzung, die übrigens damals die Bahnhofstraße zuallererst regulieren wollte, dann völlig nicht nachvollziehbare Entscheidungen, wer wo warum wie lange 30 fahren darf oder nicht. Diese Sitzung des Gemeinderates war das Blamabelste schlechthin. Das Benehmen einzelner Gemeinderäte und das Laufenlassen dieser durch den einen Kompromiss suchenden Bürgermeister. Es durfte sogar, einmalig auf Besucherbänken, plötzlich ein Uniformierter sein profundes Andersdenken kundtun. Ein mieser Tag für die damalige Verkehrsplanerin mit dem seltsamen Auftrag, es allen recht zu machen. Zu der Sitzung gab es übrigens, gutem Brauch folgend, keine Diskussion zum Finden des Für und Wider. Als Glaubensfragen, nicht aber Wissensfragen, angeblich zur Genüge ausgetauscht waren, wurde einfach abgestimmt. Die Krönung war aber nach Abschluss des Tagesordnungspunktes, dass ein mittlerweile eingepennter Gemeinderat den Antrag stellte, doch die gesamte Tutzing-Regelung in absehbarer Zeit erneut unter die Lupe zu nehmen. Wörtlich war das damals begründet mit, man müsse dort nachregulieren, wo in der unglaublichen Hitze des Gefechts überreguliert wurde. Vielleicht war auch das der Grund für den mutigen Gemeinderat, nicht mehr zu kandidieren. Hätte er kandidiert, könnte er heute die Diskussion mit seiner Erfahrung befeuern.

Auch von dieser Sitzung gibt es, wie üblich, kein Protokoll. Aus dem man lernen könnte. Protokolle der Gemeinderatssitzung sind übrigens zumeist eine Frechheit. Mittlerweile zwar öffentlich zugänglich, aber bei weltanschaulichen Fragen absolut nichtssagend, völlig unverbindlich.

Und nun kommt die Hauptstraße. Die alten Freiheitskämpfer treten an gegen aus den Büschen kommende Revolutionäre, junge mutige Leute mit Kindern, deren revolutionäres Hauptziel es ist, das geordnete Regelwerk infrage zu stellen. Ein Regelwerk, besiegelt von Leuten, an denen bestimmte Kulturtechniken (hinhören, lesen und schreiben können) vorbeigingen.

Nun zurück zur Überschrift. Es beginnt der Widerstand bis hin zur Forderung, gehört zu werden. Eine wunderbare Gelegenheit für den Gemeinderat, allen zu zeigen, wie beweglich er doch inzwischen ist und was er alles aus der Vergangenheit gelernt hat. Dummerweise wird das häufig konterkariert durch die Weisheit: Das Einzige, was der Mensch aus der Vergangenheit lernt, ist, dass er nichts lernt.

Wäre Tutzings Gemeinderat in der Lage, jetzige Strömungen endlich aufzufangen, sich an die Spitze einer nicht mehr aufzuhaltenden und erstaunlich breiten Bewegung zu setzen, wäre ein Teil der Miete drinnen.

Glückliches Tutzing!

Ihr JB

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