Kommentar: Tutzing mitten im Wandel

Das ist doch was. Man spricht über Tutzing, zumeist aber noch in Tutzing. Bald aber wieder über die Landkreisgrenzen hinaus. Sehnsüchtig warten die TN (= Tutzinger Nachrichten, Zentralorgan der lokalen CSU) auf die Aufnahme des Radweges in irgendein Schwarzbuch, damit endlich ganz Deutschland mal wieder etwas zu lachen hat. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Deutschland schon einmal über Tutzing lachte; das war 2007, als eine Hamburger WochenZEITung sich in meisterhafter Form über Tutzing lustig machte. Dieses eloquente Blatt, dessen Beilagen mittlerweile auch fremdsprachig erscheinen, hätte seine wahre Freude daran, den erneuten Fortschritt in Tutzing zu sehen.

Am Bahnhof mit dem Sabine Schnarrenberger ICE ankommend, fällt der bahnreisende Kosmopolit mitten rein ins pralle Sprachleben. In München auf Empfehlung des DB Travel Center in den englischsprachigen ICE verfrachtet kommt er dann am Bahnhof Tutzing an und stolpert sofort in die Lake Side City Resorts. Der Taxifahrer benennt die Wohnbauten allerdings anders, ziemlich bodenständig sogar. Dann geht die Fahrt in die Tutzinger City, vorbei an des Governing Mayor‘s Residence. Geht der Gast (hoffentlich nicht von einer Zeitung kommend) nachdenklich durch die sehr belebten Business Avenues und studiert die Stellenangebote und Immobilienanzeigen, so findet er einen beachtlichen Sprung in die Zukunft. Zumindest sprachlich. For Sale steht am Schaufenster. Soso, und wenn das Schild nicht dranhängt, ist’s dann ein Museum?

Facility Manager werden gesucht, schließlich sucht man heutzutage keinen Hausmeister mehr. Die Wohneinheiten, von denen sehr viele in Tutzing entstehen, werden auf die Nachwirkungen der Globalisierung ausgerichtet. Wer also eine Wohnung mieten oder gar kaufen will, der erfährt, dass neben der Stellung eines Facility Manager auch für die regelmäßig kommenden Vision Clearance Engineers gesorgt ist. Das waren früher zu des Fischerdorfs Zeiten Fensterputzer. Die Waste Removal Engineers kämen zwei Mal im Monat. Aha, früher waren das bei mir zuhause die Müllmänner. Während ich so das Gespräch zwischen Makler und Interessent belauschte, hätte mich beinahe ein Dispatch Services Facilitator über den Haufen gefahren. Diese neuartigen Paketzustelldienste fahren wie die Vergifteten durch die 30er-Zonen, nur um von ihrem Amazon-Stundensatz die hungrigen Mäuler zuhause stopfen zu können. Als ich dann hörte, der Technical Horticultural Maintenance Officer wohne um die Ecke, fiel mir blitzartig ein, dass ich mich ja auch noch um meinen Garten als eigener Gärtner kümmern müsse. Für einen Horticultural Maintenance Officer fehlt mir das Geld, solange ich selbst noch herumschnippeln kann; es sei denn, die unbarmherzige Municipal Administration fordert mich auf, unverzüglich den Articles of Local Governments zu folgen. Natürlich unter Androhung einer Pönale.

Um diesen denglischen Blödsinn, der mit dem Public Viewing (öffentliche Aufbahrung) und Handy (das Wort gibt es überhaupt nicht) begann, aus der Welt zu schaffen, werde ich wohl beschließen müssen, als Non Profit Manager (das sind die Ehrenamtler) irgendwo gegen diese Entwicklung der Sprache zu kämpfen.

Ich muss zugeben, der Bayerische Rundfunk hat vor über einem Jahr bereits auf die Sprachentwicklung mit Beispielen hingewiesen. Ich bin also mit meiner Erkenntnis nicht alleine.

Nix für ungut, mal den Architekten zu vermitteln, was alles so an Bull Shit in die Communication eingebracht, an den Tafeln angebracht und dem staunenden Immobilienkäufer rübergebracht wird. Der bereits versorgte Immobilieneigentümer wird sich natürlich über die sprachliche Aufrüstung seiner Hütte freuen und sofort den Preis anheben.

Aber alleine bin ich bestimmt mit dem Vorschlag, bei Gemeinderatssitzungen als Sitzungssprache das dort jedermann geläufige Englisch einzuführen. Dann wissen die wenigstens, warum sie sich nicht verstehen.

Seien Sie gegrüßt!

Ihr Josef Bimslechner

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