Wir erleben ein Stück Zeitgeschichte, und das in höchst seltsamer Gemengelage! Unsere Kinder und Enkel werden uns vermutlich sehr bald fragen, weswegen wir viele Politiker so handeln ließen, wie wir es heute völlig unbedacht tun.

Die Bundeskanzlerin hat pro Glyphosat entschieden. Innerhalb der Regierung kommt es damit zu keiner Einigkeit, Deutschland wird sich in Brüssel der Stimme enthalten müssen. Der Grund für die Enthaltung erklärt sich aus der deutlich ablehnenden Haltung des Umwelt- und des Wirtschaftsministeriums. Beide Ministerien erklären, das in Deutschland gültige sog. Vorsorgeprinzip wäre aufgrund der Studien- und Faktenlage überhaupt nicht einhaltbar. Beide Ministerien werden unterstützt durch Erkenntnisse überregional agierender NGOs (z.B. Foodwatch, Greenpeace, BUND) und branchenunabhängiger Institute.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) änderte kürzlich ihre Haltung und sieht plötzlich keine Krebsgefahr mehr. Den Gegnern ist das gesamte Verfahren zur Genehmigung selbst höchst dubios, es breitet sich zudem die Meinung aus, die Stellungnahme der WHO brächte überhaupt nichts, da u.a. mit Auftragsstudien interessengetrieben. Dazu http://www.infosperber.ch/Artikel/Gesundheit/ILSI-Boobis-Monsanto-zahlte-Glyphosat-Beurteiler .

Fragen zur langanhaltenden Vergiftung der Böden, massiven Schädigung der heimischen Flora und Fauna, der Fließwässer, des Grundwassers, der Nahrungsmittel und der massiven Beeinträchtigung der Gesundheit werden nicht eindeutig beantwortet. Das erklärt die Position der Gegner; sie halten daher eine Zustimmung in Brüssel für nicht verantwortbar.

Die Befürworter einer uneingeschränkten Nutzung des hochgefährlichen Pflanzengifts weisen hingegen darauf hin, es lägen keine Nachweise über die Gefährlichkeit des Pflanzengifts vor (Landwirtschaftsministerium). Kritisch ist die Angelegenheit auch deswegen, weil allen Befürwortern des Pflanzengifts eine große Nähe zu der das Gift produzierenden Branche und den Nutzern nachgewiesen wurde.

Zwischen Gegnern und Befürwortern der Genehmigung für den weiteren Einsatz von Glyphosat liegt ein tiefer Dissens: Wir in Deutschland geben erst dann Produkte wie derartige Pflanzengifte frei, wenn deren Unschädlichkeit zweifelsfrei nachgewiesen ist (Vorsorgeprinzip). Andere Länder, wie z.B. angelsächsische, erlauben den Einsatz solange, bis ein Schaden nachgewiesen ist (Nachsorgeprinzip). Es hat also der Geschädigte festzustellen, dass er geschädigt wurde (Nachsorgeprinzip). Bis zu Eintritt und Nachweis eines Gesundheitsschadens kann Pflanzengift wie z.B. Glyphosat unbedenklich vermarktet und angewendet werden. Das in Deutschland hingegen geltende Vorsorgeprinzip steht in krassem Gegensatz zu dem, was die EU nun zu beabsichtigen scheint, nämlich eine unbeschränkte Freigabe des Monsanto-Pflanzengifts.

Übrigens behaupten die Befürworter des Gifts, das beachtliche Bienen- und Artensterben sei nicht auf Glyphosat zurückzuführen. Die TUTZINGER LISTE berichtete mehrfach unter News; siehe auch http://de.reuters.com/article/deutschland-eu-glyphosat-idDEKCN0Y91T4.

Glyphosat  ist ein bedeutender Nebenkriegsschauplatz des alles überlagernden Themas TTIP. Glyphosat steht stellvertretend für die mit mittlerweile harten Bandagen geführten Verhandlungen. Die USA lehnen das Vorsorgeprinzip ausdrücklich ab, einige EU-Parlamentarier versuchen noch, darauf zu bestehen.
Die US-Landwirtschaftsprodukte sind grundsätzlich gentechnisch behandelt und mit Pflanzengiften bewirtschaftet. Es liegt auf der Hand, in der Verhandlungskommission die Europäer dazu zu bringen, deren Landwirtschaft mit derjenigen der USA zu synchronisieren. Soll heißen, dortige Standards haben auch hier zu gelten. Daher wird die Einführung der US-Standards auch in der EU und damit natürlich in Deutschland als potentiell größtem Abnehmerland US-amerikanischer Landwirtschaftsprodukte verlangt. Hier stießen dann genmanipulierte und hohe US-Überproduktion auf konventionell erwirtschaftete auch bereits sehr hohe EU-Überproduktion. Die überaus kontrovers geführte  Diskussion gipfelt derzeit darin, zu exportierende deutsche Autos gegen Landwirtschaftsprodukte aus USA zu verrechnen.

Wir können die Monsanto/Glyphosat-Angelegenheit zum Anlass nehmen, sehr genau hinzuschauen, was unsere Politiker in dem ausschließlich in englischer Sprache behandelten Thema TTIP weiterhin entdecken und wie sie die Verhandlungen fortsetzen wollen. Glyphosat ist nur ein Teil der großen Uneinigkeit innerhalb der Politik und der untaugliche Versuch, interessierte Wähler aus vitalen Zukunftsfragen herauszuhalten.

Vorteil: Die enormen Gefahren des Langzeitgifts Glyphosat werden endlich breitenwirksam diskutiert.

18 Antworten zu “Monsanto-Glyphosat-TTIP”

  1. Sehr geehrter Herr Fulczyk,
    bezugnehmend auf Ihre Stellungnahme vom 9. Juni, für Ihre pointierten Kommentare und Unterstützung zum Thema Glyphosat nochmals vielen Dank. Agrar-Wirtschaft und Freihandels-Abkommen sind aktuelle Brennpunkte und es ist spannend, die weitere Entwicklung zu beobachten, ob auf lokaler oder medialer Basis. So verbleibe ich mit allen guten Wünschen und Hoffnung auf einen Blitz-Start in den Sommer nach der jetzigen Schafskälte.
    OLe
    PS: Habe soeben die aktuellen Beiträge der TL gelesen – Ramadama/Photo mit Text sehr gut gemacht – Hunde-Glosse ist wichtig – denn meines Wissens können Hunde und Katzen nicht lesen, ihre Frauchen und Herrchen in der Regel aber schon.

  2. Sehr geehrte Frau Lechner,
    vielen Dank für Ihren Kommentar vom 02.06.2016 und die darin enthaltene Anregung einer öffentlichen Diskussion zu dem Thema. Ich denke da wie Sie, aber so ein neuer, kleiner Bürgerverein hat noch nicht die Kapazität, der nötigen Qualität wegen einen solchen Abend zu stemmen.
    WBR

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Behrens-Ramberg,
      danke für die prompte Reaktion. Hinsichtlich des TL-Engangements gibt es durchaus Potential, eine Idee weiter zu verfolgen bzw. zu konkretisieren, denn “nomen est omen”
      WBR: wir bewerten Realität – wir berechnen Rentabilität – wir bestimmen Richtung -wir beweisen Rückgrat
      Fazit: Sie können das – wir brauchen das – so einfach ist das

      a la prossima volta MfG OLe

      1. Sehr geehrte Frau Lechner,
        vielen Dank für Ihre aufmunternden Worte.
        Passende Ausdeutung der Paraphe WBR, zugleich in der Tat nicht nur eine Aufmunterung, es ist eine Aufforderung! Wenn auch jener WBR sich etwas zu zieren scheint: Wer kann denn sonst darauf hinweisen, dass der Tutzinger Karren in den Dreck fährt? Ich meine schon, dass WBR mit seiner kleinen, aber doch feinen Truppe wohl der einzige Tutzinger Gemeinderat ist, der sich sichtbar aus dem Rathausfenster lehnt und die Bürgerschaft aufruft, doch endlich mal über den Zaun zu schauen.
        Es muss nur genügend Unruhe entstehen, dann werden sich schon paar junge Leute finden, den Alten “Energisches Abwarten und Aussitzen” auszutreiben.
        Die Tutzinger Liste muss dranbleiben, auch wenn es Sympathien kostet. Von den anderen Parteien ist ja nur dröhnendes Schweigen zu hören.
        Lassen Sie uns gemeinsam aktiv die Szene beobachten. Meint jetzt jemand Etablierter, das sei ein Aufruf zum Widerstand gegen Passivität, so kann ihm nur zugestimmt werden.
        Ein guter Schritt wäre es übrigens, die Tutzinger Liste-Internetseite an jene weiterzugeben, die sich weigern, mitzudenken. Der Verteilerkreis wäre sehr groß. Zur Not kann ja auch der zu WBR gehörende Text gedruckt und verteilt werden. Bekanntlich haben einige Gemeinderäte gute Erfahrung im Umgang mit Papier.
        HF

  3. Ausdrücklich danke für diesen Artikel! Toll, dass die Tutzinger Liste so über den “Tellerrand” der Gemeinde hinaus blickt!

    1. Sehr geehrte Frau Vorrednerin,
      schön, dass die ödp die Dinge so beobachtet und gutheißt. Wo aber bleibt der Druck, aus einer Beobachtung eine Handlung zu initiieren? Es dürfte nicht mehr in die Lage passen, nur energisch abzuwarten.
      Unser Gemeindeparlament meint völlig richtig zu liegen, bisher die vorwiegend mit Falschinformationen belastete Diskussion um Monsantos Glyphosat außen vor gelassen zu haben. Syngenta, Schweizer Pflanzengift-Hersteller, jüngst übernommen von den überaus umweltbewussten Chinesen, … Syngenta nennt das Zeug anders, es hat aber gleiche segensreiche Wirkung.
      Die Tutzinger Liste geht nun voran und versucht, die Aufmerksamkeit auf eine Sache zu lenken, deren Auswirkung wir heute schon auf dem Teller, in der Tasse oder im Bierkrug haben. Es ist auffallend, wie wenig Betroffenheit beim Verbraucher zu spüren ist. Da kommen zudem noch plötzlich Untersuchungen zutage, wonach dem WHO-Kenntnisstand (pro Glyphosat!) in siebenstelliger Höhe nachgeholfen wurde. Nützliche Argumentationshilfen einer völlig selbstlos agierenden Lebensmittelindustrie ermöglichten das. Die Süddeutsche Zeitung bedauert zwischen den Zeilen den Eiertanz um Monsantos Glyphosat, schließlich brauche die innerhalb der nächsten zwei Dekaden um 50% steigende Weltbevölkerung Nahrungsmittel. Der Umfang verfügbarer Böden jedoch bliebe gleich, Rodung und Zubetonierung führten sogar zu immer weniger bewirtschaftbaren Flächen. Also her mit dem Glyphosat und den Verwandten! Ohne Glyphosat kein Überleben, das wissen auch Bienen und Vögel bereits.
      Die Auseinandersetzungen um die Goldadern eines riesigen Agrar-Marktes werden immer härter. Hier viel Geld zur Erhöhung des Einsichtsvermögens etlicher Volksvertreter, dort die Ideologie angeblich Ewiggestriger. Und beide Parteien werfen sich mittlerweile massive Bestechungsvorgänge vor. Zur Änderung der Viskosität des Öls im Politgetriebe braucht man aber Geld und Zuwendung; die grünen Zottelbärte haben beides bekanntlich überhaupt nicht! Es fehlt nur noch das von der CSU erfundene und ausgelatschte Wort „Öko-Stalinisten“ zur Bereicherung der Diskussion in Deutschland.
      Glyphosat ist weltweit eine richtig große Nummer, es kann nun im Schatten dieser seltsamen Nummer die Privatisierung der Wasserwirtschaft sehr elegant vorbereitet werden. TTIP als ein geschickt gelegter Brandbeschleuniger hierzu. Worauf die Tutzinger Liste auch schon hinwies.
      Unser Gremium Gemeinderat könnte doch mal Flagge zeigen, auch wenn es nach eigenen Worten und sichtbar überhaupt nichts bewegen kann (bei den die Gemeindegrenzen überschreitenden Dingen).
      Wir haben aber auf Tutzinger Flur etliche landwirtschaftliche Betriebe, denen das sog. Wasser, veredelt zu Milch durch güllehaltige Stoffe, aus unterschiedlichsten Gründen am Hals steht. Deren Belange zum Überleben sollten auch mal Gegenstand des Gemeindeparlaments sein, nicht nur des Bauers saure Wiesen für Einheimischen- und andere Diskussionsmodelle. Verkauf von Wiesen zum Erhalt eines landwirtschaftlichen Betriebes ist betriebswirtschaftlich gesehen an der Grenze zur Substanzverschleuderung.
      Möge der Beitrag des Tutzinger Liste-Gemeinderates zumindest ein Nachdenken im Gemeinderat beginnen lassen. Insbesondere bei denen, die immer so viel von ihrer Verantwortung reden und diese nur bei Bauvorhaben so richtig vorzeigen können. Ich kenne zwar nicht die Hit-Rate der Tutzinger-Liste-Homepage, aber auch Nichtgemeinderäte dürften durch den Artikel der Tutzinger Liste nachdenklich werden. Spätestens dann, wenn auf Fleisch-Verpackungen der Discounter ähnliche Bilder wie jetzt auf Tabak-Verpackungen zu sehen sind.
      Dem von den Berliner Befürwortern und deren nachgeordneten Gliederungen praktizierten Zynismus kann bald nicht mehr mit nur freundlicher Ironie begegnet werden.
      Wieso steht ein Tutzinger Liste-Gemeinderat mit der Ansprache der Dinge sichtbar alleine? Alleinstellungsmerkmale einer Partei sind zwar der Traum einer jeden Partei, aber von den politischen Kollegen allein gelassen zu werden bei für den Ort doch vitalen Fragen, ist schon etwas nachdenklich machend hinsichtlich der Verarbeitungskultur kritischer Ortsfragen.
      HF

      1. Sehr geehrter Herr Fulczyk,
        Ihr Kommentar ist brillant und Ihre Befürchtungen scheinen realer als jedes Sience Fiction-Szenario. Wenn die, die nicht hören, bzw. lesen wollen, erst fühlen, dürfte es bereits zu spät sein. Abwarten war gestern – jetzt hat Handeln Priorität, auch bei uns Verbrauchern – werden wir aktiv.

        1. …. nun, zum Aktivwerden braucht es aktuelle Informationen. Hier ist wieder eine solche
          http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/freihandel-ceta-ist-ttip-durch-die-hintertuer-1.3012201
          Sogar die die Freihandelsabkommen befürwortende SZ-Wirtschaftsredaktion berichtet inzwischen verschämt über den Verlauf der Dinge. Bedauerlich ist, dass der gesamte Landkreis immer noch zu glauben scheint, der Krieg zweier Landwirtschaftssysteme spiele sich in weiter Ferne ab. Ein überaus blamables Bild gibt die CSU hierbei ab. Geben Sie, sehr geehrte Frau Lechner (vielen Dank für Ihren wohltuenden Kommentar), doch einmal ein Signal an die lokale CSU, damit diese aus dem Winterschlaf erwacht.
          HF

          1. Sehr geehrter Herr Fulczyk,
            danke für Ihren aktuellen Kommentar vom 30.Mai – es ist notwendig, bei solchen wichtigen Themen, die uns alle angehen, auf breiter Ebene zu informieren, wobei Sie und die TL einen sehr wichtigen Beitrag leisten. Ich möchte eine öffentliche Diskussion anregen, z.B. wie seinerzeit Herr Abendt mit den Tutzinger Sonntagsgesprächen, mit jeweils zwei Referenten, die über pro und contra sprechen, sodass die Allgemeinheit zum Nachdenken und hoffentlich zum Handeln motiviert wird – was halten Sie davon ?
            OLe

        2. Befürchtungen werden Realität,
          jüngste Erkenntnisse zu TTIP und Monsanto lassen grüßen!
          Die Annahme, massive und sogar europaweite Proteste seien hilfreich in der Ablehnung einer erneuten Genehmigung von Monsantos Glyphosat, stellte sich als absolut falsch heraus. http://www.zeit.de/wissen/2016-06/eu-kommission-verlaengert-glyphosat-zulassung . Wer wissen will, wer von den lokalen Bundestagsabgeordneten dafür stimmte, braucht nur unter Abgeordnetenwatch.de nachzusehen. Nachdem niemand hinterfragt, was sich diese Abgeordneten bei ihrer Entscheidung dachten, werden sie weiterhin fröhlich nach Gusto entscheiden.
          Auch CETA-SiTA, die überaus gefährliche Hintertür zu TTIP, wird nun ebenfalls vom EU-Präsidenten sperrangelweit geöffnet. Wörtlich, es sei ihm schnurzegal, was die nationalen Parlamente dazu sagen. Hierzu siehe auch den Link der häufig nicht unverdächtigen DIE WELT. http://www.welt.de/politik/deutschland/article156712413/Merkel-versteht-Juncker.html
          Die unglaubliche Chuzpe des EU-Präsidenten ist unter http://www.tagesschau.de/wirtschaft/ceta-eu-105.html zu bewundern.
          Es ist an der Zeit, dass Tutzing sich mit dem Thema beschäftigt. Denn auf deutschen Äckern spielt sich eine bedenkliche Lebensmittelvergiftung ab, vom Schweinehochhaus (richtig gelesen, Schweinehochhaus!) bis hin zur Güllebörse. EU-Partner Niederlande exportiert mittlerweile Gülle nach Deutschland, als ob es hier nicht schon zur Genüge zum Himmel stinken würde.
          Ein Lichtblick ist, wenn auch nur ein ganz kleiner, dass auf Tutzinger Weide-Flur immer öfter freilaufende Rindviecher wiederkäuend gesehen werden. Regelt sich hier etwa etwas bereits von alleine?
          HF

  4. Chapeau TL – die Themen Glyphosat und TTIP sind brisant. Glyphosat: zum einen sind diese Großkonzerne gegen konventionelle Landwirtschaft, die derzeit vermehrt diskutiert wird, weil die Zahl der Verbraucher, die auf ökologisch und regional erzeugte Produkte hoffen, ansteigt – das kann den grossen Konzernen und Monopolisten der Chemie- und Pharma-Lobby nicht gefallen – das gilt auch für TTIP – wir müssen diesen Größenwahnsinn stoppen – sofort – um die Natur in ihrer Artenvielfalt zu schützen – ich fürchte nur, dass in diversen Labors bereits an der nächsten Giftmischung geforscht wird, die sofort verfügbar ist, wenn Glyphosat nicht mehr aktuell ist.

    1. Sehr geehrte Frau Lechner,
      vielen Dank für Ihre Anmerkungen zu den über die Tutzinger Liste gebrachten Informationen.
      Ihr Gedanke, das Thema auf eine breitere Basis stellen zu wollen, hat einen gewissen Reiz. Allerdings sehe ich die erwähnten Sonntagsgespräche in etwas anderem Kontext. Diese Gespräche hatten anspruchsvollen Unterhaltungscharakter. Keinesfalls aber weichenstellende Folgeaktivitäten.
      Der Themenkomplex TTIP selbst ist für unsere Gesellschaft von unglaublich vitaler Bedeutung. Und weil das so ist, hält man sich in Tutzing sehr auffallend zurück. Und man scheint die Sache herunterspielen zu wollen.
      In Tutzing fanden mehrere Veranstaltungen zu TTIP (u.a. am Beispiel Monsanto) und dessen geistige Brüder statt. Die Resonanz war erschreckend. Erschreckend insofern, weil im Wesentlichen nur gut informierte Zuhörer anwesend waren. Diese Zuhörer waren bereits allerbestens über die Gefährlichkeit der Sache selbst und insbesondere des dubiosen Vorgehens der Befürworter schon lange informiert und gingen völlig desillusioniert nach Hause.
      Eine vorangegangene Veranstaltung der SPD war erstaunlich weltfremd; so weltfremd, dass an der Durchdringung des hochkomplexen Themas durch die SPD erheblich gezweifelt werden musste. Jetzige SPD-Positionen zeigen das erneut.
      Die derzeitige Verfolgung des Themas ist vom Klima her derart vergiftet, dass Befürworter sich kaum auf ein Podium bewegen dürften, die Gegner mit allerbesten Argumenten ausgerüstet hingegen hohen Zulauf erhielten.
      Befürworter werden sich zudem heute wohl kaum outen; auch den Kopf nur hin und her wägende Bedenken- und Zuspruchträger braucht man in jetziger Lage nicht.
      Schlimm ist, dass eine sog. Partei wie die AfD auf den Zug total verfahrener Diskussion glaubt aufspringen zu können und den dortigen Antiamerikanismus meint bedienen zu dürfen. Eine überaus gefährliche Gemengelage!
      Es gibt in der heutigen Diskussion unter ernst zu nehmenden Leuten kein pro und contra mehr. Jeder pro TTIP Sprechende will eindeutig eine andere Gesellschaft, über deren zukünftiges Ticken er sich aber nicht klar ist.
      Pro und contra kann nicht mehr irgendwelchen Provinzpolitikern überlassen werden, von denen die meisten eh nur schablonenhaft herumeiern.
      Ein Landkreisbürger wie Thilo Bode (foodwatch) würde sehr gerne einem enthusiastischen TTIP-Befürworter wie dem Landwirtschaftsminister dessen Feststellungen zu den Segnungen TTIP beantworten. Vielleicht in einer der Akademien. Wobei diese die Träger einer Veranstaltung sein sollten.
      TTIP/Monsanto/SITA/CETA sind nicht Themen für zufällig gewählte Politiker. Es sind Themen für Leute, die sich professionell mit den Versuchen der Politiker beschäftigen, eine Gesellschaft zu verändern, ohne dass diese es merkt.
      Dieser Prozess der Veränderung muss beleuchtet werden; diesen Prozess gilt es den Gemeinderäten bewusst zu machen. Weniger den vielen Tutzingern, deren Fokus mehr auf lokalen Ereignissen liegt als auf TTIP/Monsanto.
      Würde die TL als Plattform derzeitiger Diskussion Ihrem Gedanken folgen, könnte sie sich kräftig verheben; sie ist dafür noch viel zu jung im parteipolitischen Geschehen.
      Eine Diskussion unter Erwachsenen sollte in Tutzing von denen angestoßen werden, die glaubwürdig und nachhaltig sich mit der überaus verfahrenen Lage beschäftigen können. Ein Ude könnte dies!
      Die Tutzinger Liste kann über deren Gemeinderat und die vielen Leser der TL-Internetseite nur einen Anstoß geben. Dies in der Hoffnung, dass Tutzinger Politiker klar Flagge zeigen. Bis hin zu der Erkenntnis, dass ihnen das Ding eindeutig eine Nummer zu groß ist. Das sollen sie dann aber auch sagen und gleichzeitig die Frage beantworten, welchen Beitrag wiederum sie leisteten, indem sie die Landes- und Bundespolitiker darauf hinwiesen, was die unglaubliche Ignoranz vieler MdLs und MdBs zur Folge haben wird.
      HF

      1. Sehr geehrter Herr Fulczyk,
        für diesen ausführlichen Kommentar bin ich dankbar. In der Tat ist der gesamte Themen-Komplex so vielseitig, dass eine umfassende Informations-Kampagne dringend erforderlich ist. Dabei stehen in Tutzing die beiden Akademien an vorderster Stelle und die von Ihnen genannten Herren Bode und Ude wären bei Podiumsdiskussionen Publikumsmagneten. Wie Sie sehe ich auch die politischen Mandatsträger von MdL, MdB bis Landratsamt, Bürgermeister und Gemeinderat in der persönlichen Pflicht, hier Stellung zu beziehen. Die erwähnten Sonntags-Gespräche waren inhaltlich verschieden, bedienten soziale Themen genauso wie Kultur, sind aber immer noch in guter Erinnerung. So bleibt zu hoffen, dass die Tutzinger Liste mit ihrem umfangreichen Themen-Spektrum weiterhin das faire Miteinander fördert, die Allgemeinheit informiert und Kommentatoren Ihres Formats uns zum Nachdenken, Diskutieren und Handeln motivieren.
        MfG OLe

        1. Sehr geehrte Frau Lechner,
          eine vielversprechende Antwort Ihrerseits, danke!
          Die seltsame Tutzinger Ruhe ist vermutlich auch auf Uninformiertheit und fehlende Bereitschaft, sich überhaupt informieren zu lassen, zurückzuführen. Das sog. faire Miteinander dürfte daher ziemlich strapaziert werden, wenn lokale Leute beginnen, sich gegenseitig Allwissenheit und damit Unfehlbarkeit mitzuteilen.
          Ich möchte Ihren Gedanken hinsichtlich des Einbezugs von Publikumsmagneten insofern fortführen, indem ich die Tutzinger Liste hauptsächlich als den Transmissionsriemen sehe, der zwei große, z.T. gegenläufig sich drehende Schwungscheiben miteinander verbindet; man also in mehreren Lagern zum Thema TTIP endlich in Schwung kommt.
          Das könnte zum Beispiel bedeuten, der schon gut im Thema positionierte Tutzinger Bürgermeister lädt auf die Rathaustenne den ehemaligen Leiter des Politischen Klubs der Evangelischen Akademie (Heiner Geißler) ein, diesem zur Seite säße der aus dem Landkreis stammende und europaweit bekannte Thilo Bode (foodwatch). Die Moderation läge bei der in anspruchsvollen Moderationsfragen bestens erfahrenen Leiterin der Akademie für Politische Bildung.
          An der Autorität eines Heiner Geißler wird niemand hier im Lande zweifeln, um Thilo Bode kommt keine ernsthafte Diskussion mehr herum.
          Beide Akademien wären somit eingebunden, der Bürgermeister käme seiner Funktion als politischer Hausherr Tutzings vorbildhaft nach. Zudem würde die Veranstaltung auf dem Hoheitsgebiet des Bürgermeisters stattfinden.
          Ein enormer Vorteil einer solchen Vorgehensweise bestünde auch darin, dass in Tutzing sich niemand profilieren muss, sollte er sich zurückgesetzt fühlen.
          Sehr geehrte Frau Lechner, ich habe bewusst im Konjunktiv geschrieben. Es dürfte nämlich kein leichtes Unterfangen sein, eine wie eben beschriebene Aktivität auf die Schiene zu bekommen. Wir könnten es aber mithilfe der Tutzinger Liste einfach einmal angehen, indem wir erste Schritte tun und bei den genannten Leuten anfragen, inwieweit sie bereit wären, Tutzing breitenwirksam über die eindeutig bestehenden Gefahren eines Nichtstuns und Nichtwissens zu TTIP und ähnlichen Vorhaben aufzuklären.
          Selbst dann, wenn die Tutzinger Liste in Teilbereichen von TTIP aufklären könnte, wäre sie gut beraten, das nur mit Verbündeten zu tun. TTIP (incl. weiterer Trojanischer Pferde) ist eine riesige Baustelle, diese kann überhaupt nicht verglichen werden mit sonstigen Tutzinger Baustellen. Die Tutzinger Liste kann zu TTIP/Monsanto aber hartnäckig den Anstoß dazu geben, was Sie mit dem letzten Satz Ihres Kommentars zum Ausdruck brachten. Nämlich das Nachdenken, Diskutieren und Handeln zu initiieren. Es könnte auch sein, dass die Tutzinger Liste sogar den Anspruch hat, nicht nur nach- sondern auch vorzudenken.
          Heiner Geißler meinte vor etlichen Jahren einmal so treffend anlässlich der Heuschreckenplage und Neoliberalisierungsdiskussion vor 200 deutschen Mittelständlern: Redet nicht lange herum, fangt endlich an mit dem Widerstand, zwingt die eigenen Leute in die Öffentlichkeit.
          Wohl wahr. Und genau der Mann gehört auf ein Podium mit Thilo Bode. Im Tutzinger Rathaus!
          Es wäre zum Vorteil hiesiger Situation, die Tutzinger Liste griffe weiterhin nachhaltig den von Ihnen mitskizzierten Faden auf.
          HF

          1. Sehr geehrter Herr Fulczyk,
            war noch beim Nachdenken, während Sie bereits konkrete Vorschläge in petto haben, wie z.B. die Diskussion auf der Rathaustenne – ein diplomatischer Schachzug – gratuliere ! Ihr Vergleich mit dem Transmissionsriemen ist gut, ich denke da an eine Verbindungsebene, sodass sich aus dem Konjunktiv-Modus ein Aktions-Bündnis entwickeln könnte. Durch die beiden Akademien mit ihren Tagungsgästen und auch die Presseberichte über Kirchen-Asyl wurde unsere Gemeinde überregional bekannt. Das sollte ein Anstoss sein, ausser den lokal anstehenden Baustellen den “Tellerrand” über die Ortsgrenzen hinaus zu schieben. Vielleicht kann Ihre Vision auf die Agenda des nächst geplanten Mitgliedertreffens der Tutzinger Liste gesetzt werden. Freie Meinungsäusserung bedeutet auch Verantwortung und deshalb sehe ich dieses Angebot der TL als Anregung, jung und alt gleichermassen über die Folgen von Gleichgültigkeit und Desinteresse in unserer Gesellschaft aufzuklären, aber beim Nachdenken ist mir auch die Parabel vom Kamel und dem Nadelöhr eingefallen, weil es bequem ist, immer nur zu sagen “das habe ich nicht gewusst. Für eine Aufmunterung danke im voraus. OLe

          2. Sehr geehrte Frau Lechner,
            zu Ihrer Antwort vom 08. Juni eine Anmerkung.
            Es besteht die Gefahr, dass die Bedeutung der gesamten Angelegenheit plötzlich einen nachrangigen Stellenwert erhält. Die Politik (einschl. Presse) tut so, als ob mit der jetzigen Lage die Gefahr gebannt sei. Was nach Ansicht der bestens informierter Insider eben überhaupt nicht zutrifft.
            Ich bin nicht Mitglied der Tutzinger Liste und habe daher keinen Einfluss auf deren Schwerpunkte und Risikobereitschaft. Ich weiß auch nicht, wann die Tutzinger Liste die nächste Mitgliederversammlung abhalten wird. In Sachen TTIP ist – wie auch von Ihnen angedeutet- dringendster Handlungsbedarf gegeben, da kann nicht auf eine Mitgliederversammlung 2017 gewartet werden. Der Sektor NEWS innerhalb der Internetseite Tutzinger Liste kann nur durch Mitglieder “befüllt” werden. Wie wäre es, Sie träten der Tutzinger Liste bei und unterstützten diese in deren Überlegungen, wie weiterhin mit deren Öffentlichkeitsarbeit zu TTIP verfahren werden könnte. Bekanntlich kommt man an die Quelle, schwimmt man gegen den Strom. Sie wären dann an der Quelle und könnten an der Weichenstellung innerhalb der Tutzinger Liste mitbeteiligt sein.
            Ich selbst stünde Ihnen zur Verfügung.
            HF

  5. Super! Trotz Kürze sehr informativ! Mehrere NGOs haben Petitionen mit Millionen Unterschriften gegen das Pflanzengift an die verantwortlichen Politier geschickt, Demos veranstaltet usw. Reaktion der Befürworter: L.m.A. Wichtig zu wissen: nur 40% deutscher Bauern verwenden das Gift, um ihre Äcker nicht umpflügen zu müssen, 60% pflügen und brauchen es nicht – und haben keine geringeren Erträge. Trotzdem ist der Bauernverband (nicht “die Bauern”) für dieses die Umwelt vergiftende Mittel ebenso wie CSU/CDU. Mir stellt sich die Frage, mit wie viel Millionen oder gar Milliarden Monsanto diese unbegreifliche Haltung weltweit finanziell “unterstützt”.

  6. Interessanter Artikel. Hinzuzufügen wären die Bemühungen zwei europäischer Firmen, Monsanto zu übernehmen. Warum wohl? Der Markt wird riesig und es lassen sich Milliarden mit der Unwissenheit über die Folgen von Pflanzengiften verdienen. Vor dem Hintergrund ist es auffallend, dass just zu dem Zeitpunkt des positiven Kanzlerin-Entscheids ein deutscher Weltmarktführer der Firma Monsanto ein Übernahmeangebot vorlegt.
    Auffallend ist auch die Sprache zur Verschleierung der Dinge. Die Gegner sprechen von hochgefährlichen Pflanzengiften, die Befürworter jedoch von hochwirksamen Pflanzenschutzmitteln. Man fahre einmal in die Obstplantagen Südtirols und suche nach Unkraut, Vögeln und Bienen. Man findet nur Obst, klinisch sauber, marktgerecht! Erdbeerfelder und Obstbäume im Perigord sind voller “Unkraut”, Vögel zwitschern, kacken aufs Cabriodach und die Erdbeeren brauchen nicht gewaschen zu werden, bevor man sie unbeobachtet runterzupfen kann. Landwirtschaft geht in Frankreich anders als in Italien. Auf den CSU-Landwirtschaftsminister muss man richtig stolz sein; ein weitblickender und weitgereister Mann!
    Möge die Tutzinger Liste weiterhin das Ohr am Geschehen haben.
    HF

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