Wir erleben ein Stück Zeitgeschichte, und das in höchst seltsamer Gemengelage! Unsere Kinder und Enkel werden uns vermutlich sehr bald fragen, weswegen wir viele Politiker so handeln ließen, wie wir es heute völlig unbedacht tun.
Die Bundeskanzlerin hat pro Glyphosat entschieden. Innerhalb der Regierung kommt es damit zu keiner Einigkeit, Deutschland wird sich in Brüssel der Stimme enthalten müssen. Der Grund für die Enthaltung erklärt sich aus der deutlich ablehnenden Haltung des Umwelt- und des Wirtschaftsministeriums. Beide Ministerien erklären, das in Deutschland gültige sog. Vorsorgeprinzip wäre aufgrund der Studien- und Faktenlage überhaupt nicht einhaltbar. Beide Ministerien werden unterstützt durch Erkenntnisse überregional agierender NGOs (z.B. Foodwatch, Greenpeace, BUND) und branchenunabhängiger Institute.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) änderte kürzlich ihre Haltung und sieht plötzlich keine Krebsgefahr mehr. Den Gegnern ist das gesamte Verfahren zur Genehmigung selbst höchst dubios, es breitet sich zudem die Meinung aus, die Stellungnahme der WHO brächte überhaupt nichts, da u.a. mit Auftragsstudien interessengetrieben. Dazu http://www.infosperber.ch/Artikel/Gesundheit/ILSI-Boobis-Monsanto-zahlte-Glyphosat-Beurteiler .
Fragen zur langanhaltenden Vergiftung der Böden, massiven Schädigung der heimischen Flora und Fauna, der Fließwässer, des Grundwassers, der Nahrungsmittel und der massiven Beeinträchtigung der Gesundheit werden nicht eindeutig beantwortet. Das erklärt die Position der Gegner; sie halten daher eine Zustimmung in Brüssel für nicht verantwortbar.
Die Befürworter einer uneingeschränkten Nutzung des hochgefährlichen Pflanzengifts weisen hingegen darauf hin, es lägen keine Nachweise über die Gefährlichkeit des Pflanzengifts vor (Landwirtschaftsministerium). Kritisch ist die Angelegenheit auch deswegen, weil allen Befürwortern des Pflanzengifts eine große Nähe zu der das Gift produzierenden Branche und den Nutzern nachgewiesen wurde.
Zwischen Gegnern und Befürwortern der Genehmigung für den weiteren Einsatz von Glyphosat liegt ein tiefer Dissens: Wir in Deutschland geben erst dann Produkte wie derartige Pflanzengifte frei, wenn deren Unschädlichkeit zweifelsfrei nachgewiesen ist (Vorsorgeprinzip). Andere Länder, wie z.B. angelsächsische, erlauben den Einsatz solange, bis ein Schaden nachgewiesen ist (Nachsorgeprinzip). Es hat also der Geschädigte festzustellen, dass er geschädigt wurde (Nachsorgeprinzip). Bis zu Eintritt und Nachweis eines Gesundheitsschadens kann Pflanzengift wie z.B. Glyphosat unbedenklich vermarktet und angewendet werden. Das in Deutschland hingegen geltende Vorsorgeprinzip steht in krassem Gegensatz zu dem, was die EU nun zu beabsichtigen scheint, nämlich eine unbeschränkte Freigabe des Monsanto-Pflanzengifts.
Übrigens behaupten die Befürworter des Gifts, das beachtliche Bienen- und Artensterben sei nicht auf Glyphosat zurückzuführen. Die TUTZINGER LISTE berichtete mehrfach unter News; siehe auch http://de.reuters.com/article/deutschland-eu-glyphosat-idDEKCN0Y91T4.
Glyphosat ist ein bedeutender Nebenkriegsschauplatz des alles überlagernden Themas TTIP. Glyphosat steht stellvertretend für die mit mittlerweile harten Bandagen geführten Verhandlungen. Die USA lehnen das Vorsorgeprinzip ausdrücklich ab, einige EU-Parlamentarier versuchen noch, darauf zu bestehen.
Die US-Landwirtschaftsprodukte sind grundsätzlich gentechnisch behandelt und mit Pflanzengiften bewirtschaftet. Es liegt auf der Hand, in der Verhandlungskommission die Europäer dazu zu bringen, deren Landwirtschaft mit derjenigen der USA zu synchronisieren. Soll heißen, dortige Standards haben auch hier zu gelten. Daher wird die Einführung der US-Standards auch in der EU und damit natürlich in Deutschland als potentiell größtem Abnehmerland US-amerikanischer Landwirtschaftsprodukte verlangt. Hier stießen dann genmanipulierte und hohe US-Überproduktion auf konventionell erwirtschaftete auch bereits sehr hohe EU-Überproduktion. Die überaus kontrovers geführte Diskussion gipfelt derzeit darin, zu exportierende deutsche Autos gegen Landwirtschaftsprodukte aus USA zu verrechnen.
Wir können die Monsanto/Glyphosat-Angelegenheit zum Anlass nehmen, sehr genau hinzuschauen, was unsere Politiker in dem ausschließlich in englischer Sprache behandelten Thema TTIP weiterhin entdecken und wie sie die Verhandlungen fortsetzen wollen. Glyphosat ist nur ein Teil der großen Uneinigkeit innerhalb der Politik und der untaugliche Versuch, interessierte Wähler aus vitalen Zukunftsfragen herauszuhalten.
Vorteil: Die enormen Gefahren des Langzeitgifts Glyphosat werden endlich breitenwirksam diskutiert.